Sonnenfinsternis fotografieren und filmen – Der Praxis-Guide für Foto & Video
Eine Sonnenfinsternis gehört zu den spektakulärsten astronomischen Ereignissen, die man mit der Kamera festhalten kann. Anlässlich der bevorstehenden Sonnenfinsternis am 12. August 2026 – die in Teilen Europas als totale Finsternis und im DACH-Raum als tief stehende partielle Bedeckung am Abendhimmel zu sehen ist – zeigt dieser Guide, wie solche Himmelsereignisse technisch und gestalterisch gemeistert werden.
Das Abbilden einer Sonnenfinsternis stellt Fotografen und Videografen vor besondere Herausforderungen: Extrem harte Kontraste, hohe Wärmestrahlung und die kontinuierliche Wanderung der Sonne erfordern die passende Ausrüstung und Vorbereitung.
Hier erfahrt ihr, wie ihr euer Equipment schützt, welche Kameraeinstellungen funktionieren und wie ihr eine Sonnenfinsternis beeindruckend in Szene setzt.
Inhalt
Sicherheit & Sensorschutz – Die wichtigste Ausrüstungskomponente
Der direkte Blick in die Sonne ohne Schutz führt zu irreversiblen Augenschäden. Gleiches gilt für euren Kamerasensor: Objektive wirken wie ein Brennglas und konzentrieren Licht sowie Wärmestrahlung direkt auf den Sensor oder den Verschlussvorhang.
Warum normale ND-Filter nicht ausreichen
Standard-Graufilter (wie ND8 bis ND1000) dämpfen lediglich das sichtbare Licht. Sie blockieren jedoch nicht ausreichend die unsichtbare Infrarot- (IR) und Ultraviolett-Strahlung (UV). Bei längerer Ausrichtung auf die Sonne kann der Sensor trotz abgedunkeltem Bild thermisch beschädigt werden.
Für die Fotografie der Sonne benötigt ihr extrem starke IR- und Solarfilter mit einer optischen Dichte von ND 5.0 (100.000-fache Lichtreduktion) oder extrem hoch dämpfende Filterkombinationen mit Infrarot-Sperrschicht (IR-Cut).
Filter-Setups für Foto und Video
- Partielle Phase: Solange auch nur ein kleiner Teil der Sonnenscheibe sichtbar ist, muss der Solarfilter/ND-Filter hoher Dichte ununterbrochen auf dem Objektiv verbleiben.
- Totalität (falls ihr im Totalitätsstreifen steht): Nur in den wenigen Minuten der vollständigen Abdeckung (Totalität) muss der Solarfilter abgenommen werden, um die lichtschwache Korona und Protuberanzen zu erfassen. Sofort beim ersten Sonnenlichtstrahl („Diamantring-Effekt“) muss der Filter wieder aufgesetzt werden.
- Videografie: Da ihr mit festen Belichtungszeiten arbeiten müsst (180-Grad-Shutter-Regel), kombiniert extrem starke Filter mit variablen ND-Filtern, um die Helligkeit feinstufig an die gewünschte Bildrate anzupassen.
Kameras & Objektive – Die richtige Wahl treffen
Die Auswahl von Kamera und Objektiv hängt davon ab, ob ihr die Sonne isoliert im Detail abbilden oder sie zusammen mit einer Landschaft komponieren wollt.
Sensorgröße: Vollformat vs. APS-C / Micro Four Thirds
- Vollformat: Bietet den höchsten Dynamikumfang und das geringste Rauschen. Das hilft enorm dabei, harte Kontraste zwischen der hellen Sonnensichel und dem abgedunkelten Himmel auszugleichen.
- APS-C & Micro Four Thirds: Durch den Verlängerungsfaktor (Crop-Faktor 1,5x bzw. 2,0x) erzielt ihr mit kleineren und leichteren Teleobjektiven eine höhere effektive Brennweite. Ein 300mm-Objektiv an einer APS-C-Kamera entspricht dem Bildwinkel eines 450mm-Objektivs an Vollformat.
Objektiv-Empfehlungen nach Motivart
- Detailaufnahme der Sonne (Telebereich ab 400mm):
- Um die Sonne füllend im Bildausschnitt abzubilden, sind Brennweiten zwischen 400mm und 800mm erforderlich. Bei 500mm Brennweite nimmt die Sonnenscheibe etwa ein Zehntel der Bildhöhe auf einem Vollformatsensor ein.
- Sony-Systeme: Sony FE 200-600mm f/5.6-6.3 G OSS (Innenfokussierung, hohe Schärfe am langen Ende).
- Herstellerübergreifend (Sony E / Leica L): Sigma 150-600mm f/5-6.3 DG DN OS Sports (Optische Leistung mit robuster Abdichtung).
- Canon-Systeme: Canon RF 100-500mm f/4.5-7.1 L IS USM.
- Landschaftskontext & Weitwinkel (14mm bis 35mm):
- Findet eine Sonnenfinsternis nahe dem Horizont statt (z. B. während der Morgen- oder Abendstunden), erlaubt ein Weitwinkelobjektiv das Einbinden von Vordergrundelementen wie Silhouetten von Bergen, Gebäuden oder Bäumen. Steht die Finsternis hoch am Himmel, eignet sich ein Weitwinkel für Mehrfachbelichtungen (Verlaufsserie) über den gesamten Finsternisverlauf.
- Empfehlung: Sigma 14-24mm f/2.8 DG DN Art oder Sony FE 16-35mm f/2.8 GM II.
Zubehör für Stabilität & Auslösung
Bei extremen Telebrennweiten führt jede kleinste Erschütterung zu Unschärfe. Da die Sonne aufgrund der Erdrotation kontinuierlich durch das Bildfeld wandert, müsst ihr die Kamera sauber und stabil nachführen können.
Stative und Köpfe für schwere Tele-Setups
Ein absolut wackelfreies Dreibeinstativ ist die Grundvoraussetzung. Verwendet nach Möglichkeit Carbon-Stative, da diese Schwingungen durch Wind oder Auslöser-Erschütterungen spürbar besser absorbieren als Aluminium. Verzichtet auf die Nutzung der Mittelsäule, um den Schwerpunkt niedrig und stabil zu halten.
Ein präziser Kugelkopf mit hoher Traglast, ein 3-Wege-Neiger oder ein Getriebeneiger erleichtert das schrittweise Nachführen des Sonnenlaufs enorm.
- Carbon-Dreibeinstative:
- Leofoto Ranger LS-365C / LS-324C Carbon-Stativ: Schwingungsfreie Konstruktion ohne Mittelsäule mit sehr hoher Tragkraft (unter: Stative -> Leofoto).
- Sirui Traveler 7C / Sirui CT-3204 Carbon: Kompakt, standfest und ideal für Reisen (unter: Stative -> Sirui).
- Rollei C6i Carbon Black: Beliebter Klassiker mit hoher Tragkraft und sehr gutem Preis-Leistungs-Verhältnis (unter: Stative -> Rollei).
- Gitzo Mountaineer Serie (z. B. GT2542 / GT3543LS): High-End Carbon-Qualität für maximale Schwingungsdämpfung bei schweren Super-Teleobjektiven (unter: Stative -> Gitzo).
- Stativköpfe & Neiger:
- Manfrotto 3-Wege-Neiger / Getriebeneiger (z. B. Manfrotto MHXPRO-3WG): Ermöglicht millimetergenaue Korrekturen der X- und Y-Achse beim Nachführen der Sonnenposition (unter: Stative -> Stativ-Köpfe).
Fernauslöser & Intervalometer
Um Auslöseerschütterungen durch manuelles Drücken des Auslösers zu vermeiden, ist ein Fernauslöser essenziell. Für Zeitrafferaufnahmen (Timelapse) oder automatisierte Belichtungsreihen benötigt ihr zwingend eine programmierbare Timer- bzw. Intervalometer-Funktion.
- Kabel- & Funk-Fernauslöser:
- Rollei Remote Wireless / Kabel-Fernauslöser: Programmierbare Timer-Funktionen für Intervall-, Langzeit- und Serienbelichtungen (unter: Zubehör -> Kamerazubehör -> Fernauslöser).
Kamera-Einstellungen & Praxistipps
Einstellungen für Fotografie
- Dateiformat: RAW (unkomprimiert oder verlustfrei komprimiert), um den maximalen Dynamikumfang in der Nachbearbeitung zu nutzen.
- Fokus: Manuell (MF). Der Autofokus versagt beim Richten der Kamera auf die Sonne häufig oder fängt an zu jagen. Nutzt Focus Peaking oder die Suchervergrößerung und fokussiert präzise auf den klaren Rand der Sonne oder sichtbare Sonnenflecken. Fixiert den Fokusring danach am besten mit etwas Tape.
- ISO: Basis-ISO eurer Kamera (meist ISO 100 oder ISO 64), um Rauschen zu minimieren.
- Blende: Blende f/8 bis f/11 nutzen. Das ist der optische Schärfe-Sweet-Spot der meisten Teleobjektive. Höhere Blendenwerte (ab f/16) führen zu Beugungsunschärfe.
- Belichtungsreihen (HDR): Erstellt automatisch 3 bis 5 Aufnahmen mit Abstand von 1 bis 2 EV-Stufen. So sichert ihr sowohl die Helligkeit der Sonnensichel als auch dunklere Umgebungsdetails ab.
Einstellungen für Videografie
- 180-Grad-Shutter-Regel: Setzt die Belichtungszeit auf den doppelten Wert der Bildrate (z. B. 1/50 Sekunde bei 25 fps oder 1/100 Sekunde bei 50 fps). Reguliert die Helligkeit ausschließlich über den Filter (ND-Wert) und die Blende, um natürliche Bewegungsabläufe zu bewahren.
- Farbprofil: Nutzt flache Log-Profile (z. B. Sony S-Log3, Canon C-Log3, Nikon N-Log). Dadurch verhindert ihr ein Ausfressen der Lichter auf der Sonnenoberfläche und erhaltet Zeichnung in den Schatten der Landschaft.
- Zeitraffer (Timelapse): Wählt ein Intervall von 3 bis 5 Sekunden zwischen den Einzelbildern. Bei einer typischen Finsternisdauer von 2 Stunden erhaltet ihr so genug Material für eine flüssige Videosequenz von ca. 15 bis 20 Sekunden Länge (bei 25 fps).
Spot-Scouting & Bildkomposition
Ein technisch perfektes Foto der Sonne ohne Kontext kann austauschbar wirken. Der Schlüssel zu einem ausdrucksstarken Bild liegt in der Vorbereitung des Standorts.
Sonnenstand und Höhe berechnen
Bevor ihr euren Aufnahmestandort wählt, müsst ihr wissen, in welcher Höhe (Elevation) und in welcher Himmelsrichtung (Azimut) sich die Finsternis am jeweiligen Ort abspielt:
- Tief stehende Sonne: Erlaubt direkte Silhouetten-Kompositionen mit Vordergrundelementen (Gebäude, Berge, Bäume).
- Hoch stehende Sonne: Erfordert meist extreme Teleaufnahmen oder eine Weitwinkel-Serienaufnahme, bei der die Sonne im späteren Composing stufenweise über den Himmel wandert.
Werkzeuge zur Planung
Nutzt spezialisierte Apps wie PhotoPills, SunSeeker oder PlanIt Pro. Diese Apps ermöglichen euch per Augmented Reality (AR) vor Ort genau zu sehen, an welcher Stelle die Sonne zu welchem Zeitpunkt des Finsternisverlaufs steht.
Kompositionstipps
- Silhouetten nutzen: Positioniert markante Motive (z. B. eine Windmühle, eine Burgruine oder eine Baumgruppe) so im Vordergrund, dass sie sich als dunkle Silhouette vor der teilverfinsterten Sonne abzeichnen.
- Mehrfachbelichtungs-Composing: Bei weitwinkligen Aufnahmen lasst ihr das Stativ unverändert stehen und macht alle paar Minuten ein Foto. In Photoshop lassen sich die einzelnen Sonnenstände anschließend zu einer eindrucksvollen Verlaufsspur zusammenfügen.
Checkliste für den Event-Tag
| Zeitpunkt | Aufgabe |
| 1 Woche vorher | Testaufnahmen der normalen Sonne mit Filter durchführen (Fokus, Schärfe und Belichtung testen). |
| 1 Tag vorher | Sensoren reinigen, Akkus vollständig laden (Kamera & Funk-Fernauslöser!), Speicherkarten formatieren. |
| 3 Stunden vorher | Am Spot ankommen, Sichtachse kontrollieren, Stativ stabil ausrichten und austarieren. |
| 1 Stunde vorher | Kamera aufbauen, Solarfilter aufschrauben, manuellen Fokus einstellen und per Tape fixieren. |
| Während des Events | Regelmäßig Belichtung und Fokus kontrollieren; Kadrierung der Sonne auf dem Stativ alle paar Minuten nachführen. |
Unser Fazit
Eine Sonnenfinsternis bietet fantastische Möglichkeiten für stimmungsvolle Foto- und Videoaufnahmen. Die entscheidenden Faktoren für ein gelungenes Ergebnis sind der richtige Schutz für euer Equipment durch extrem starke Filter, eine präzise Standortplanung basierend auf dem Sonnenstand und ein stabiler Aufbau mit geeigneten Tele- oder Weitwinkelbrennweiten sowie erschütterungsfreien Fernauslösern.
Welchen Spot habt ihr für die nächste Finsternis ins Auge gefasst? Habt ihr euer Filter-Setup bereits getestet? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!
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